Visual Poetry 2016 – Visuelle Textanalyse

Das visuelle Leitmotiv für die Kommunikationsmedien des Festivals wird jährlich neu durch ein generatives Verfahren, also durch Algorithmen, erzeugt. In der Regel wird eigens zu diesem Zweck eine Software geschrieben, welche die vorgetragene Lyrik statistisch analysiert und visualisiert. Das Berliner Studio SYNTOP hat in diesem Jahr für das Motiv auf den von one/one gestalteten Plakaten einen nahezu rein analogen Ansatz gewählt, in dem der Algorithmus aus Aufgaben besteht, welche nicht von einem Computer, sondern von Personen gelöst werden. Inspiration war die Gedichtanalyse, wie sie z.B. in der Schule stattfindet. Diese beginnt oft bei einzelnen Worten, erschließt Bedeutungen anhand von Wortgruppen und bildet damit einen Ansatz für das Verständnis des Textes.

Im Gegensatz zu maschineller Analyse spielt hier die persönliche und damit unvorhersehbare Assoziation der Rezipienten eine große Rolle. Vier ausgewählte Gedichte wurden verschiedenen Personen zu lesen gegeben, zusammen mit auf Klarsichtfolie gestellten Aufgaben, welche durch Markierungen mit Stiften zu lösen waren, (z.B. »Markiere die wichtigsten Worte des Textes«). Durch Überlagerung (Schichtung) mehrerer Folien mit Aufgaben entstanden so im Moment des Lesens und Analysierens rudimentäre Visualisierungen des Verständnisprozesses, welche in einem letzten Schritt mit den Ergebnissen der anderen Teilnehmer kombiniert wurden. Durch das Übereinanderlagern aller individueller Ergebnisse entstehen vielschichtige netzwerkartige Gebilde, welche durch Verdichtung und Verknüpfung die inhaltliche Struktur der Texte erkennen lassen.

makingof_visualpoetry2016 IMG_2065 IMG_5679